Pedro Ampuero geht an der schottischen Westküste auf die Pirsch. Zwischen Nebel, Moor und Gischt
erlebt er eine Brunftjagd, die alles abverlangt – Geduld, Instinkt und Demut.
Der Wind peitscht über das Meer, die Wellen schlagen gegen den Bug, und Gischt trifft mich wie Nadelstiche ins Gesicht. Ich sitze vorn im Boot, halte mich an der Reling fest. Tropfen kleben in
meinen Wimpern. Neben mir steht Niall Rowantree am Steuer, konzentriert und unerschütterlich, das Gesicht halb im Regen verborgen. Der Himmel hängt tief, dunkle Wolken jagen über die Hügel.
Das Wasser scheint zu kochen und bildet graue Schaumkronen. Regen kommt aus allen Richtungen – von oben, von der Seite, manchmal sogar von unten, wenn die Gischt über die Planken spritzt. Niall dreht sich zu mir um, grinst und ruft gegen den Wind: „In Schottland gibt es kein schlechtes Wetter – nur schlechte Kleidung!“ Ich lache, während ich mir die Tropfen aus dem Augen wische. Das ist Schottland. Rau, ehrlich, unverfälscht. Und genau deshalb bin ich hier.
Wir überqueren das Meer an der Westküste, hinein in die Highlands, wo die steilen Hänge direkt aus dem Wasser steigen. Dort, zwischen den tief eingeschnittenen Tälern und dem endlosen Heidekraut, beginnt die Jagd. Unser Ziel: ein reifer Hirsch in der Brunft, möglichst auf den Ruf. Das Boot schrammt ans Ufer, wir laden die Ausrüstung aus. Ich bin zwar jetzt schon völlig durchnässt, aber in mir pulsiert Vorfreude. Der Wind riecht nach Moor und Salz. Irgendwo drüben im Tal höre ich sie bereits – die rauen Stimmen der Rivalen, das tiefe Röhren, das über die Berge hallt…



